Wie viel Prämie bleibt im Lauf der Zeit übrig?
Welcher Kurve folgt der Zeitwertverfall?
Zeitwertverfall bezeichnet den Rückgang des Zeitwerts, während die Restlaufzeit schrumpft. Er verläuft nicht gleichmäßig: Bei Optionen am Geld beschleunigt er sich zum Verfall hin, bei weit aus dem Geld liegenden Optionen bleibt er flacher. Theta ist die Kennzahl, die diesen Verfall pro Tag beziffert.
Die Form der Kurve
Bei einer Option am Geld schrumpft der Zeitwert ungefähr mit der Wurzel der Restlaufzeit. Den Wert bei d verbleibenden Tagen erhältst du, indem du die heutige Prämie mit der Wurzel aus (d geteilt durch die heutige Restlaufzeit) multiplizierst. Das ist eine Näherung und gilt nur, solange Kurs und implizite Volatilität gleich bleiben. Die Form trifft sie trotzdem: lange flach, in den letzten Wochen steil. Theta ist die Steigung dieser Kurve an einem Tag, also der Verfall pro Tag.
Was das für die Wahl der Laufzeit heißt
Weil der Anfang der Kurve flach verläuft, zahlst du als Käufer für eine längere Laufzeit zwar insgesamt mehr, verlierst davon in den ersten Wochen aber weniger pro Woche. Willst du als Stillhalter den steilen Abschnitt nutzen, kommst du um kurze Laufzeiten nicht herum — und damit um eine deutlich höhere Empfindlichkeit für Kursbewegungen nahe am Strike. Mit der Laufzeit legst du also fest, auf welchem Stück der Kurve deine Position lebt.
Was die Kurve verbiegt
Die Wurzelkurve setzt voraus, dass sonst nichts passiert. Läuft der Kurs vom Strike weg, rutscht die Option ins oder aus dem Geld, und Optionen aus dem Geld verfallen auf einem flacheren, eigenen Pfad. Steigt die implizite Volatilität, kann sie mehr Zeitwert zurückbringen, als eine Woche Verfall gekostet hat. Fällt sie, sind mehrere Wochen Verfall an einem einzigen Handelstag weg. Nimm die Kurve als Messlatte für die tatsächlichen Kurse, nicht als Prognose.
Der häufigste Denkfehler
Gern wird angenommen: Ist die halbe Laufzeit vorbei, ist auch die halbe Prämie weg. Bei einer Option am Geld stimmt das nicht. Bleibt noch die Hälfte der Tage, sind rund 71 % des Zeitwerts übrig, bei einem Viertel der Tage immer noch die Hälfte. Wer mit einem gleichmäßigen, geradlinigen Verfall rechnet, erwartet von den ersten Wochen zu viel und unterschätzt, wie viel kurz vor dem Verfall noch auf dem Spiel steht.
Rechenbeispiel
Die Zahlen sind ausgedacht und dienen nur der Veranschaulichung. Sie sind weder ein Kurs noch eine Empfehlung.
Die Beispiel-Aktie notiert bei 100 €. Der Call am Geld mit 36 Tagen Restlaufzeit kostet 4,00 € je Aktie, reiner Zeitwert. Nach der Wurzel-Näherung, bei unverändertem Kurs und gleicher IV, ist er mit 18 Tagen Restlaufzeit noch etwa 4 × √(18/36) = 2,83 € wert, mit 9 Tagen 4 × √(9/36) = 2,00 €.
Die halbe Zeit hat also erst 29 % der Prämie gekostet. Nach drei Vierteln der Laufzeit steckt immer noch die Hälfte im Preis, 200 € pro Kontrakt. Gebühren bleiben außen vor.
Strategien, in denen der Begriff zählt
- Cash-Secured Put — Wäre der Strike auch nach einem 30%-Absturz noch ein Preis, den du zahlen willst?
- Short Iron Condor — Ist die erwartete Range wirklich enger als die vom Markt eingepreiste Bewegung?
- Long Call Calendar — Ist die kurze Laufzeit relativ zur langen teuer (Termstruktur in Backwardation)?
Rechner zum Begriff
Im Trading-Journal festhalten
Verwandte Begriffe
Alle Begriffe im Überblick findest du im Options-Glossar.
Diese Inhalte sind allgemeine Information zu Optionsstrategien und richten sich an einen unbestimmten Personenkreis. Sie sind keine Anlageberatung, keine Anlageempfehlung und keine Finanzanalyse. Optionsgeschäfte können zum Totalverlust und bei ungedeckten Positionen zu Verlusten über den Einsatz hinaus führen. Angaben zu steuerlichen Themen sind allgemeiner Natur und ersetzen keine Steuerberatung. Stand: 2026-08-06.