Wie kommt die historische Volatilität zustande?
Was sagt dir die historische Volatilität?
Die historische Volatilität misst, wie stark sich der Kurs eines Basiswerts tatsächlich bewegt hat, meist als annualisierte Standardabweichung der Renditen über einen festgelegten Zeitraum. Sie ist eine Messung der Vergangenheit, keine Erwartung — anders als die implizite Volatilität, die aus aktuellen Optionspreisen abgeleitet wird. Der Vergleich beider Größen ordnet das Preisniveau ein.
Vom Tageskurs zum Jahreswert
Die historische Volatilität, kurz HV, misst, wie stark der Basiswert tatsächlich geschwankt hat. Dafür nimmst du seine Tagesrenditen über ein festes Fenster, meist 20, 30 oder 252 Handelstage, in der Regel als logarithmierte Renditen der Schlusskurse, und berechnest deren Standardabweichung. Mit einem Tageswert lässt sich wenig vergleichen, deshalb rechnest du ihn aufs Jahr hoch: mal Wurzel aus 252, der üblichen Zahl an Handelstagen pro Jahr. So steht die HV auf derselben Jahresbasis wie die implizite Volatilität, und du kannst beide direkt nebeneinanderlegen.
Das Fenster prägt die Zahl
Welche HV du siehst, hängt vor allem am Zeitfenster. Über 20 Tage gerechnet reagiert sie schnell, und ein Schock ist nach einem Monat wieder aus der Zahl verschwunden. Über ein Jahr bleibt ein alter Einbruch noch lange drin, obwohl sich der Markt längst beruhigt hat. Hinzu kommt, dass Schlusskurs-Renditen nur von Schluss zu Schluss messen: Was im Tagesverlauf passiert, sehen sie nicht, während eine einzige Kurslücke nach einer Meldung ein kurzes Fenster beherrschen kann. Nennen zwei Anbieter für dieselbe Aktie unterschiedliche HV-Werte, rechnen sie oft einfach mit verschiedenen Fenstern.
Was der Abstand zur IV verrät
Hier stehen zwei verschiedene Dinge nebeneinander: Die HV beschreibt die Bewegung, die stattgefunden hat, die IV den Preis, den der Markt für künftige Bewegung verlangt. Notiert die IV klar über der jüngsten HV, ist in den Optionen mehr Schwankung eingepreist, als die Aktie zuletzt gezeigt hat; liegt sie darunter, bekommen Käufer die Bewegung billiger, als die jüngste Vergangenheit rechtfertigen würde. Jedes Modell, das die IV als Eingabe nimmt, die IV-Methode für die Gewinnwahrscheinlichkeit zum Beispiel, geht davon aus, dass sie die künftige Schwankung fair vorhersagt.
Der häufigste Denkfehler
Liegt die IV über der HV, halten viele die Optionen für überteuert, liegt sie darunter, für ein Schnäppchen. Damit wird aus einem Rückblick ein Urteil über die Zukunft. Die HV weiß nichts von anstehenden Zahlen, einem Umbruch im Geschäft oder einem Markt, der gerade nervöser wird; die IV preist genau das ein. Eine Prämie über der HV kann deshalb völlig fair sein, nämlich als Bezahlung für ein Risiko, das im zurückliegenden Fenster einfach nicht vorkam. Der Abstand zwischen beiden ist eine Frage an dich, keine Antwort.
Rechenbeispiel
Die Zahlen sind ausgedacht und dienen nur der Veranschaulichung. Sie sind weder ein Kurs noch eine Empfehlung.
Nimm die Beispiel-Aktie: Über die letzten 30 Handelstage schwanken ihre Tagesrenditen mit einer Standardabweichung von 1,5 %. Aufs Jahr hochgerechnet ergibt das 1,5 % × √252 ≈ 23,8 %. Ihre Optionen am Geld handeln dagegen mit einer angenommenen impliziten Volatilität von 30 % — gut 6 Punkte mehr, als die Aktie zuletzt tatsächlich geschwankt hat.
In den Optionen steckt also mehr Bewegung, als die jüngste Vergangenheit hergibt. Ob das zu viel ist, entscheidet sich an dem, was noch kommt, nicht an den 30 Tagen, die schon vorbei sind.
Strategien, in denen der Begriff zählt
- Long Straddle — Muss die Bewegung größer sein als die vom Markt bereits eingepreiste?
- Short Iron Condor — Ist die erwartete Range wirklich enger als die vom Markt eingepreiste Bewegung?
- Bull Put Spread — Willst du einen Credit gegen eine Verpflichtung - oder lieber einen Debit zahlen?
Rechner zum Begriff
Im Trading-Journal festhalten
Verwandte Begriffe
Alle Begriffe im Überblick findest du im Options-Glossar.
Diese Inhalte sind allgemeine Information zu Optionsstrategien und richten sich an einen unbestimmten Personenkreis. Sie sind keine Anlageberatung, keine Anlageempfehlung und keine Finanzanalyse. Optionsgeschäfte können zum Totalverlust und bei ungedeckten Positionen zu Verlusten über den Einsatz hinaus führen. Angaben zu steuerlichen Themen sind allgemeiner Natur und ersetzen keine Steuerberatung. Stand: 2026-08-06.